Die Skyline bestimmen: Wie der Berliner Fernsehturm zur Ikone wurde

Weil das Brandenburger Tor — das klassizistische Stadttor, das sich während des Kalten Krieges über die Ost-West-Teilung Berlins streckte—als Hintergrund für viele Nachrichtenübertragungen dient, wird Dir verziehen, wenn Du glaubst, dass es Berlins bekanntestes Wahrzeichen ist. Für viele Berliner ist es nämlich Ost-Berlins ikonischer Fernsehturm! Auch wenn es sich dabei ursprünglich um ein Prestigeprojekt der DDR (der Deutschen Demokratischen Republik) handelte, hat es seine kommunistische Vergangenheit abgelegt und wird von Berlinern von beiden Seiten der Mauer gleichermaßen geliebt.

Berlin ist eine der wenigen Städte der Welt, die eine so große, hauptsächlich technische Struktur mitten im Herzen der Stadt vorzuweisen hat. In den meisten Städten werden Fernsehtürme in ausreichender Distanz zu historisch oder kommerziell wichtigen Gegenden gebaut und in ländliche Gebiete in der Nähe verlagert. In den 1960er Jahren aber landete der Fernsehturm auf dem Bauschutt des Berliner Stadtzentrums, im Herzen der Hauptstadt des neuen, sozialistischen, ostdeutschen Staates. Der Grund für sein bemerkenswertes Design und den außergewöhnlichen Standort hat viel zu tun mit Prestige und dem Kalten Krieg.

Der Kampf um die Ätherwellen

In den 1950er Jahren, den Anfangstagen des Fernsehens, gab es kaum Sendungen. Auch wenn der ostdeutsche Staat seine erste Generation von Sendeanlagen installiert hatte, war man nirgends in der Lage, das Potenzial des Fernsehens als politisches Instrument auszuschöpfen, um die eigene Meinung zu wichtigen Ereignissen kund zu tun.

Tatsächlich war das Radio das bevorzugte Medium, auch wenn westliche Länder begannen, immer routinierter Fernsehsendungen zu produzieren. Als im Jahr 1950 die Bandbreiten der TV-Sendefrequenz zugewiesen wurden, verlor die DDR—zu diesem Zeitpunkt in einer schwachen Verhandlungsposition und von der UN nicht anerkannt—gegenüber anderen europäischen Ländern und erhielt letztlich eine Reihe von Frequenzen, die aus technischer Sicht nicht ideal waren[1]. Sie benötigten hohe Übertragungstürme, um das Signal praktisch in gerader Linie an die Antenne auf dem Dach des Zuschauers zu senden.

Auch wenn die Übertragung im Jahr 1952 begann, hatte die DDR es nicht eilig, sich für einen neuen, stärkeren Fernsehturm zu entscheiden. Je mehr Menschen jedoch einen Fernseher besaßen und je mehr Sendungen im Westen produziert wurden, die man auch im Osten schaute—diese Signale konnten nicht blockiert werden—desto mehr realisierten die Behörden in der DDR um 1954, dass ein neuer Turm nötig war. Was noch schlimmer war: Die TV-Signale der DDR erreichten nicht einmal alle ihre eigenen Bürger. Nach einem DDR-Report waren tausende Haushalte in Berlin "dem Einfluss der Sendeanlagen westlicher Agitatoren hilflos ausgeliefert."

Lage, Lage, neue Lage

Die Öffnung der ostdeutschen Archive in den 1990er Jahren enthüllte, dass die Suche nach und der Entscheidungsprozess für den Standort des Turms sowie sein Design mehr einer Notfalllösung glich als einem gut durchdachten Plan.[2] Die Behörden realisierten, dass ein neuer Fernsehturm dringend gebraucht wurde, und Techniker hatten ausgerechnet, dass ein Turm von etwa 350 Metern Höhe nötig war, um das Gebiet Berlins abzudecken. In der Folge forderten sie vom ostdeutschen Kommunikationsministerium, einen Plan vorzustellen.

Im Jahr 1953 begannen die Bauarbeiten für einen 16-stöckigen Turm mit einer 40 Meter hohen Antenne südwestlich der Stadt in den Hügeln von Müggelberge—sein Signal sollte 50 Kilometer weit reichen. Das Projekt schien jedoch von Anfang an unter einem schlechten Stern zu stehen. Finanzielle Schwierigkeiten des jungen Staates bedeuteten, dass es schwierig war, die Baumaterialien zu beschaffen, sodass das Datum der Fertigstellung mehrmals nach hinten verschoben werden musste. Peinlicherweise stand der neue Turm genau in der Einflugschneise des neuen Flughafens Schönefeld, sodass das Hochkommissariat der Alliierten das Projekt vollständig strich.

Das Konzept des Fernsehturms änderte sich im Jahre 1958 radikal, als Planer vorschlugen, eine monumentale Struktur zu errichten, die den Fortschritt des Landes widerspiegelte.[3] Zu diesem Zeitpunkt hatte der wichtigste Mann der DDR, Walter Ulbricht, bereits einen städtischen Erneuerungsprozess in Gang gesetzt und wollte Berlins Altstadt in ein modernes, sozialistisches Stadtzentrum  mit breiten Boulevards für Paraden verwandeln. Er legte Architekten und Planern nahe, sich von der Existenz jeglicher alter Gebäude nicht eingeschränkt zu fühlen[4]. Diese Pläne aus den 1950er und 1960er Jahren dominieren immer noch die Gegend um den Alexanderplatz. Strukturen aus dem Erneuerungsprojekt umfassten das Wolkenkratzer-Hotel, das größte Warenhaus der DDR, diverse Ministerien und Bürogebäude, das Verlagshaus des Berlin Verlag und das Konferenzzentrum.

Nach langer Überlegung und ernsthaften Plänen, den Fernsehturm im Volkspark in Friedrichshain oder in Prenzlauer Berg zu bauen, wurde 1964 endlich beschlossen, vielleicht sogar von Ulbricht selbst, dass er den Turm in die Pläne für das neue, sozialistische Stadtzentrum zwischen der Haltestelle Alexanderplatz und dem Marx-Engels-Platz in Mitte mit aufnehmen würde — damit verwarf er frühere Pläne, an dieser Stelle als Wahrzeichen ein Regierungsbüro zu errichten. West-Berlins Pläne, die Höhe ihres eigenen Fernsehturms auf 280 Meter auszubauen (was verbesserten Empfang für westliche Fernsehstationen auf dem Gebiet der DDR bedeutete), machte die Entscheidung noch dringender.[5] Ost-Berlins neuer Fernsehturm würde an mehreren Haupt-Boulevards ausgerichtet sein, die nach Berlin hinein führten. Wichtig war auch, dass er aus den meisten Teilen West-Berlins sichtbar sein würde, um so das wahre Zentrum von Berlin genau zu markieren.

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© Dennis Goedegebuure

Designed for a nation reaching for the stars

It was star architect Hermann Henselmann, famous for designing Stalinallee, East Berlin's grand socialist boulevard, who suggested making the TV tower an iconic building, a "Turm der Signale" (tower of signals) with a clear symbolic function. When a request came in to construct a TV antenna on top of one of his new Stalinallee buildings, he flatly refused to have his designs ruined—however, he proceeded to draw the very first conceptual sketches for the Fernsehturm, including plans for a circular structure halfway up the tower that could be used for more than just technical equipment.[6]

Although Henselmann's designs provided the concept for the tower, the Fernsehturm's design arose from a collective effort shared between many architects and institutes, and it's not clear who came up with the rather unusual idea of a circular structure for the visitor areas. Its looks were clearly inspired by the space age and the Soviet Sputnik space missions. Henselmann himself suggested the design should reflect the spirit of the a generation, reaching for the stars.[7] A Junge Pioniere (youth pioneers) song from 1975, the “Fernsehturmlied,” even included the phrase: "steigt alle ein, Raketenstart!" or "all aboard, take off!".[8]

The GDR authorities were delighted to have an iconic focal point in Berlin that would display the country's technological prowess. Officials lauded it early on as a new a "landmark for the capital city of the GDR," a "conspicuous symbol of the first socialist state of the German nation,",and a "socialist Stadtkrone",or crown for the city.[9] Construction finally started in 1965, with a budget of 20 million marks—this would eventually increase to 94 million marks.

Telestatistics

The facts of the Fernsehturm are certainly impressive. At 366 m high, it was the second tallest TV tower in the world. It weighs 26,000 tons and consists of a 250 m high reinforced concrete tower, its diameter tapering off from 42 m at the base, topped by a 115 m high antenna. The seven-storey sphere, suspended at 200 m height, is 5,000 tons, with a diameter of 32 m and clad in 1060 Nirosta stainless steel plates[10]. Hundreds of companies from across the GDR worked on the Fernsehturm's construction, and breathless newspaper articles reported on the "socialist steel construction brigades" performing "heroic feats."[11]

Reinforced concrete was a more expensive building material, but it allowed for much faster progress and a more stable platform for sensitive technical equipment. Construction indeed proceeded at an impressive pace, with the shaft reaching 250 m after just one year. This helped the tower get its officially sanctioned nickname Telespargel, "tele-asparagus," named after the fast-growing vegetable that's popular in the region.[12] The height inspired local jokes too, some suggesting that if the tower falls over, the shaft would make for a handy tunnel for walking over to West Berlin.

Not all materials could be sourced in the GDR or even from its Communist allies. The blinking warning lights were imported from West Germany, the elevators and air-conditioning from Sweden, and the special tinted windows for the restaurant and viewing platforms from Belgium. The Soviet Union was unable to deliver stainless steel in the quantity and quality required for the sphere cladding, so these were also ordered from West Germany, greatly increasing the cost of construction.

The metal skin of the sphere caused some consternation when it turned out that sunlight reflected in the form of a cross, quickly nicknamed "the Pope's revenge" in reference to the atheist foundations of the GDR, and leading to an investigation to see if anything could be done about it—eventually authorities ignored the matter.[13]

The lower two floors of the sphere are for the public, with a viewing platform and a restaurant and café, with a revolving floor that spun past Berlin's sights on 120 metal rollers, making one full circle per hour—after which guests had to pay and leave. Fast lifts, going 6 m per second, whisked guests up and down, and specially trained multilingual hostesses in sky-blue uniforms were at hand to give tours and point out East Berlin's landmarks.

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© Dennis Goedegebuure

Ein neues Wahrzeichen

Der Turm wurde früher als eigentlich geplant am 3. Oktober 1969 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wenige Tage vor dem 20. Jahrestag der DDR.[14] Die Offiziellen nutzten die Eröffnungszeremonie des "Fernseh- und UKW-Turm Berlin, Hauptstadt der DDR" dankbar, um die DDR in Szene zu setzen, auch wenn viele der beteiligten Architekten und Planer sowie Konstrukteure nicht eingeladen wurden. Henselmann erhielt eine Einladung, weigerte sich aber, zu kommen, weil er nicht für Propagandazwecke missbraucht werden wollte. Interessanterweise ignorierten die West-Berliner Behörden und Medien den Fernsehturm größtenteils und beschwerten sich lediglich über die Gefahren, die er für den Flugverkehr mit sich brachte—keine der wichtigsten westdeutschen Tageszeitungen schrieb über seine Eröffnung.

Aber im Osten wie im Westen war sofort klar, dass der Fernsehturm eine absolute Meisterleistung der DDR war und dass seine Architekten es geschafft hatten, ein attraktives Symbol der politischen und wirtschaftlichen Macht des sozialistischen Staates zu schaffen.[15] Der Turm war bei Ostdeutschen und Besuchern aus dem Ausland auch sofort beliebt und wurde schnell ein Fixpunkt bei Stadtführungen. Er inspirierte Filme und Bücher und seine unverwechselbare Silhouette erschien auf Briefmarken, Münzen, Medaillen und Zertifikaten. Das Konzept einer zentralen, ikonischen Struktur inspirierte auch diverse weitere ostdeutsche Städte; hohe Wolkenkratzer mit Aussichtsplattformen und Restaurants schossen in den historischen Stadtzentren von Jena und Leipzig aus dem Boden und wurden anderswo ebenfalls geplant.[16]

Für die Berliner war der Fernsehturm immer mehr als nur ein Aussichtsturm—als außergewöhnliches Ziel für einen Tagesausflug konnten sie die Stadt verlassen, ohne zu verreisen. Und auch wenn die Berliner Mauer von der Aussichtsplattform aus kaum zu sehen war, war hier der einzige Ort, an dem die Ostdeutschen einen unverstellten Blick nach KreuzbergWedding und Charlottenburg in West-Berlin genießen konnten.

Er ist ein Berliner: accepting the Fernsehturm

After the fall of the Berlin Wall in 1989, suggestions to change or demolish the tower came up in discussions about what to do with the GDR's symbols. But despite being an obvious socialist-era icon, the Fernsehturm managed to quickly shed the ballast of its political meaning,[17] just like the Olympiastadion and Tempelhof airport—two other iconic utilitarian projects built under dictatorship.

The Fernsehturm had never been a negative political symbol like the Wall, and had by then been appreciated by generations of proud East Germans. City planners also have accepted the tower as a central feature in Berlin. In architect Hans Kollhoff's master plan, the Fernsehturm will stay the dominant feature of the Alexanderplatz area. "Er ist ein Berliner," writes Lothar Heinke, referring to the general acceptance of the Fernsehturm using the famous quote from John F. Kennedy's 1962 Berlin speech. [18]

The Fernsehturm was thoroughly renovated and updated in the 1990s, with new lifts, a new mechanism doubling the speed of the rotating restaurant and a new top mast, extending the height by 3 meters to 207 meters. Some suggested to color the sphere gold, in order to turn it into a proper Stadtkrone (the designers originally had gold in mind too, an idea discarded at the time for being too provocative, when ordinary citizens were still struggling).

The Fernsehturm is now more popular than ever, attracting more than 1.2 million visitors per year, often with long lines. Accepted as an icon for the city by Berliners on both sides of the old divide, it functions as a handy beacon pointing out the eastern reach of the city center. Its distinctive silhouette is found on countless designs, from tourist T-shirts to club flyers, and it's certain that it will remain Berlin's Stadtkronefor decades to come.

Bibliographie
  • Bolduan, Dieter: "Eine Riese im Herzen der Stadt", Berlin, in: "Berlin – Journal aus der DDR", Nr.2, 1969, S.12-15.
  • Dibelius, Ulrich: "Die Namen des Berliner Fernsehturms." Berlin; Online-Publikation vom Zentrum für Berlin-Studien, 2007.
  • Gumbert, Heather: "Constructing a Socialist Landmark: The Berlin Television Tower." In "Berlin: Divided City", Hrsg. Sabine Hake und Philip Broadbent. New York und Oxford: Berghahn Books, 2010.
  • Heinke, Lothar: "Fernsehturm Berlin – Vom Bau bis heute." Berlin: Berlin Story Verlag, 2009.
  • Müller, Peter: "Symbol mit Aussicht. Die Geschichte des Berliner Fernsehturmes." Berlin: Verlag Bauwesen, 2000.
 
Zusätzliche Quellen:
  • "Berliner Fernsehturm", Offizielle Besucherbroschüre, 1993
  • "Das neue Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR", Transpress, 1969
  • "Der Fernsehturm", Offizielle Besucherbroschüre, 1969
  • "Fernseh- und UKW-Turm der Hauptstadt der DDR", Broschüre, 1969

  1. Gumbert, S.90
  2. Müller, S.10
  3. Gumbert, S.93
  4. Müller, S.12
  5. Gumbert, S.95
  6. Ebd., S.89
  7. Müller, S.15
  8. Ebd., S.16
  9. Ebd., S.23
  10. Bolduan, S.13
  11. Ebd.
  12. Ebd., S.12
  13. Heinke, S.8
  14. Müller, S.126
  15. Gumbert, S.98
  16. Müller, S.142
  17. Ebd., S.147
  18. Heinke, S.60